Im September 2009 wurde ein neues, bislang in Deutschland einzigartiges Projekt ins Leben gerufen – das muslimische Seelsorgentelefon, genannt MuTes. Gerade muslimische Jugendliche sind eine wichtige Zielgruppe dieses Telefonservices. Deshalb möchten wir auch dir hier das Angebot vorstellen. Die Redaktion sprach mit Bruder Imran, der das Ganze ins Leben gerufen hat, und erfuhr eine Menge. Lies hier nach!
Redaktion: Wie hat MuTes begonnen?
Imran: Die Idee, ein muslimisches Sorgentelefon einzurichten, besteht schon lange. Auch im Vorstand der MJD haben wir schon zu meiner Zeit darüber gesprochen. Wir mussten das Projekt aber nach wenigen Sitzungen fallenlassen, da wir dafür einfach nicht die Kapazitäten hatten. Die Idee verlor sich - bis vor zwei Jahren, als ich von Islamic Relief gefragt wurde, ob ich mir vorstellen könnte, bei der muslimischen Seelsorge mitzuarbeiten. Es dauerte einige Zeit, bis die Rahmenbedingungen weitestgehend geschaffen waren. Man suchte schließlich noch einen Geschäftsführer; ich bewarb mich darum und bin seitdem dabei.
Red.: Mit welchen Erwartungen sind du und deine Kollegen in dieses Projekt gegangen? Was habt ihr befürchtet, was habt ihr euch erhofft?
Imran: Einerseits war da ein Gefühl von ,,Endlich!“, ich habe mich gefreut, dass nun Telefonseelsorge aus muslimischer Hand zustande gekommen ist, da man aus jahrelanger Erfahrung in der MJ-Arbeit und anderswo mitbekommen hat, dass es einfach eine gewisse Tabuisierung oder ein Schamgefühl etc. gibt, was eben dazu führt, dass man sprachlos ist, einem die geeignete Gesprächsmöglichkeit fehlt. Genau hier liegt der Vorteil der Telefonseelsorge. Sie gibt Leuten die Möglichkeit über ihre Probleme zu sprechen. Wir lösen sie zwar nicht am Telefon, darum geht es nicht; aber da gibt es zum Beispiel jemanden, der seit Monaten oder Jahren ein Problem mit sich herumschleppt und bei uns dann die Möglichkeit findet, anonym und auf Augenhöhe darüber zu sprechen.
Red.: Gibt es auch Bedenken?
Imran: Ja, die gibt es natürlich andererseits auch; man hat Angst am Telefon nicht richtig mit den Problemen des Anrufers umzugehen, etwas Falsches zu sagen und dadurch sein Problem zu verschlimmern. Doch diese Bedenken wurden uns durch die Ausbildung genommen – und auch durch die Erfahrung, denn wir konnten feststellen, dass wir in den ca. elf Monaten schon so einigen Leuten aus ihrer Krisensituation heraushelfen konnten.
Red.: Du bist froh, dass es nun endlich ein Sorgentelefon aus muslimischer Hand gibt – aber warum brauchen Muslime eigentlich ihre eigene Seelsorge?
Imran: Wenn wir uns noch einmal die Projektfindungsphase näher ansehen, dann kommen wir zurück auf die herkömmliche Telefonseelsorge, die es in Deutschland schon seit 50 Jahren gibt. Gelegentlich wurden sie mit Problemen von Muslimen konfrontiert, mit denen sie einfach nicht recht umzugehen wussten. Deshalb gab es schon seit Jahren die Idee, ein türkischsprachiges Sorgentelefon hier in Berlin einzurichten. Ein russischsprachiges Telefon ließ sich damals einrichten, das türkischsprachige kam leider nicht zustande, in erster Linie, weil sich kein Kooperationspartner finden ließ – anscheinend waren die Vereine damals noch nicht soweit.
Red.: Und dann kam es doch zum muslimischen Seelsorgetelefon? Warum?
Imran: Ja. Diejenigen, die in der islamischen Arbeit aktiv sind und mit Muslimen arbeiten, wissen, dass es für Muslime teilweise schwierig ist, ihre Probleme zum ersten Mal in einem nichtmuslimischen Kontext zu besprechen. Ich muss dazu sagen, dass wir auch empfehlen, zu nichtmuslimischen Psychologen zu gehen oder Beratungsstellen in Anspruch zu nehmen, die nicht aus muslimischer Hand angeboten werden, denn den islamischen Werterahmen muss jeder Muslim selbst mit sich tragen. Trotz allem muss jemand, der in einer Krisensituation ist, erst einmal schauen, was er tun kann, wie genau seine Situation aussieht, und dazu ist es schon hilfreich einen Muslim am anderen Ende der Leitung zu haben, da das einfach eine gewisse Vertrauensbasis mit sich bringt. Selbstverständlich wären viel mehr muslimische Beratungsstellen und Einrichtungen notwendig, momentan gibt es diese nur vereinzelt in Deutschland. Ich denke jedoch, dass sich das in Zukunft verändern wird.
Red.: Auf eurer Website wird berichtet, dass das Projekt eure Erwartungen im Positiven übertroffen hat – wie genau sieht dieser Erfolg aus?
Imran: Wir haben, zumindest für das erste Jahr, ziemlich viele Missverständnisse erwartet, zum Beispiel, dass Leute annehmen, wir wären eine Islam-Info-Hotline und würden alltägliche Fragen beantworten. Diese Befürchtung wurde aber durch nicht ganz so viele Fälle bestätigt, die Anrufer wussten, was genau unter Seelsorge zu verstehen ist.Außerdem zeigt sich unser Erfolg durch unsere Anruferzahl - es haben in den etwa elf Monaten so 1300 Menschen angerufen – und auch durch die Rückmeldung durch unsere Anrufer - mindestens 95 Prozent bedanken sich für unsere Hilfe.
Red.: Von welcher Seite kam sonst noch Rückmeldung?
Imran: Ebenfalls positive Rückmeldung bekommen wir durch muslimische Vereine und Verbände, die auf uns zukommen und fragen, was die Muslime beschäftigt, wo sie anpacken müssen und durch deren Hilfe wir auch immer neue Ehrenamtliche dazubekommen, die bei uns mitarbeiten möchten.
Auch aus dem nichtmuslimischen Bereich, medial unter anderem auch von die Tagesschau, gab es fast ausschließlich positive Berichte, was zufriedenstellend war, und auch von nichtmuslimischen Beratungsstellen, die unter anderem auch Seelsorge betreiben.
Red.: Positive Resonanz aus der Öffentlichkeit gab es nicht nur aus den Medien; ihr habt mehrere Preise verliehen bekommen.
Imran: Uns wurde der Berliner Präventionspreis von der Senatsverwaltung für Inneres in Berlin verliehen, was uns natürlich besonders gefreut hat, da es wohl das erste Mal war, dass ein Projekt aus muslimischer Hand damit ausgezeichnet wurde.
Red.: Mit welchen Problematiken werden ihr am Telefon konfrontiert?
Imran: Hauptsächlich handelt sich um Probleme in Ehe und Partnerschaft bis hin zu Liebeskummer und Scheidungen. Dann gibt es Erziehungsproblematiken, und auch psychische Belastungen. Das letzte liegt aber meist nicht in unserer Zuständigkeit. In diesen Fällen müssen wir denjenigen dahingehend bewegen, dass er sich selbstständig professionelle Hilfe sucht. Wir versuchen zu ergünden, was dem Anrufer gut tun würde, egal in welcher Situation er erst einmal ist, um dann herauszufinden, was für ihn geeignet ist. Manchmal ist es schon so, dass wir konfrontieren, wenn wir einen gewissen Eindruck haben. Wir fragen, ob der Eindruck richtig ist und gehen dann von der darauf folgenden Reaktion aus weiter. In diesem dialogischen Prinzip versuchen wir, zu einer Lösung zu kommen.
Red: Welche Rolle spielt die Religion, wenn ihr beratet?
Imran: Das kommt immer darauf an. Natürlich empfehlen wir manchmal ein Bittgebet oder das Istikhara-Gebet (Gebet, um das Treffen einer Entscheidung zu erleichtern), wenn jemand sich zum Beispiel nicht schlüssig ist. Aber es ist nicht so, dass wir uns zu einer Antwort fähig und verpflichtet fühlen, wenn uns jemand zum Beispiel zur islamischen Meinung über das Schicksal befragt. In solchen Fällen empfehlen wir eher eine Moscheeabgeleitet vom arabischen "masdschid" (wörtlich: Ort der Niederwerfung); in erster Linie Ort des gemeinschaftlichen Gebets; darüber hinaus Nutzungsmöglichkeiten für soziale, kulturelle und erzieherische Funktionen, bei der der Anrufer sich informieren kann. Aber alles, was in den seelsorgerischen Bereich fällt, kann mit religiösen Argumenten bekräftigt werden. Da spielt etwa das Thema Tauba (Reue) eine Rolle. Also ist der religiöse Bezug schon da, wenn wir merken, dass er auf der Ebene ansprechbar ist. Denn wir wissen ja nicht im Vorfeld, wer bei uns anruft, wie religiös die Person ist. Wenn wir uns mit Assalamu aleikum melden ist ihm das vielleicht schon zu streng- Vielleicht handelt es sich auch um einen Nichtmuslim, der mit einem Muslim verheiratet ist oder anderweitig mit einem Muslim in Beziehung steht, der sich hier beschwert, zum Beispiel eine Mutter von einem Konvertiten; solche Anrufe sind schon vorgekommen. Dafür sind wir offen.
Red.: Wollt ihr durch das Seelsorgetelefon zum Islam einladen?
Imran: Muslimisches Seelsorgetelefon heißt nicht, dass wir den religiösen Aspekt zwangsweise einbringen. Das muslimische Seelsorgetelefon kann vielleicht ein Anker für jemanden sein, der in der muslimischen Community nicht positiv aufgenommen wurde, um den sich nicht gekümmert wurde, und der dann sieht, dass sich das Seelsorgetelefon um ihn sorgt. Aber es ist ausdrücklich nicht unsere Aufgabe zum Islam einzuladen (Dawa zu betreiben).
Red.: Was wollt ihr mit der Beratung denn erreichen?
Imran: Es handelt sich nicht um Beratung in dem Sinne, sondern eher um ein Gespräch, dessen Richtung der Anrufer vorgibt. Wir müssen auf jeden Fall wertneutral bleiben. Das sind potentiell Leute, die gesellschaftlich wirklich gemieden sind, die drogenabhängig sind oder dergleichen. Es ist nicht unsere Aufgabe zu bewerten, sondern dafür zu sorgen, dass der Anrufer mit einem besseren Gefühl aus dem Gespräch geht, seine Krisensituation in die Hand nimmt und mit Gottes Hilfe sinnvoll lösen kann. Sicherlich werden wir keine Lösungen diskutieren die islamisch gesehen nicht vertretbar sind.
Red.: Wie wird die Beratung auf den Alternativsprachen zu Deutsch angenommen?
Imran: Noch haben wir da nicht genug Erfahrungen gemacht, aber natürlich wird am ehesten Türkisch in Anspruch genommen. Der Dienst ist grundsätzlich deutschsprachig, aber unsere Zielsetzung ist es, dass wir parallel dazu an zwei Tagen Türkisch, und an einem Arabisch anbieten. Da wir einige andere Sprachen anbieten können, bieten wir den Anrufern, wenn möglich auch Spanisch, Englisch, Französisch, Urdu und Marokkanisch an. Es kommt öfter vor, dass nach Türkisch gefragt wird; ist dann aber der türkischsprechende Seelsorger erst in drei Tagen da, wird auch gerne Deutsch gesprochen. Klar, das ist eine Sache des Wohlfühlens.
Red.: Gibt es amüsante oder bemerkenswerte Anekdoten in deinem bisherigen Erfahrungsschatz in der Seelsorge?
Imran: Wir haben zum Beispiel einen Seelsorger, der ziemlich aussieht wie ein Rausschmeißer, aber Arzt ist. Genau der hat bei der Ausbildung einmal ein tolles Gedicht geschrieben, was inzwischen an meiner Büropinnwand hängt.
Wisse, dass in deinem Leben
immer wieder wird Menschen geben
die uns nahe kommen und auch wieder gehen
und die wir vielleicht nie wiedersehn
Der Schmerz, der dann in uns steckt
die Trauer, die unser Herz mit Dunkelheit bedeckt
auch diese werden uns irgendwann verlassen
dann werden wir uns an den Händen fassen
und in die Augen schauen und verstehn
dass nur die Liebe in Liebe vergehn
Liebe ist nicht gebunden an Ort oder Zeit
Liebe ist das einzige, was unser Herz befreit
erst wenn man denkt: etwas Liebes ist verloren
erst dann wird sie im Herzen neu geborn
Glaube fest daran und du bist nie allein
denn Menschen, die wir lieben, werden immer bei uns sein.
Das hat er innerhalb von 20 Minuten geschrieben, und da fällt man aus allenWolken, wenn man so einen Kerl von Mensch vor sich hat. Da gibt es sehr erstaunliche Momente.
Red.: Wie denkst du über die Zukunft des muslimischen Seelsorgetelefons?
Imran: Ich glaube, wichtig ist, dass wir Ideen, die wir haben, weiterführen und weiterleben lassen, damit sie zu gegebenem Zeitpunkt dann Realität werden. Und das ist etwas, wofür ich mich beimProjektteam bedanke, weil sie von den Bedenken, die es gegeben hat - von Seiten der kirchlichen und muslimischen Gremien - nicht haben beirren lassen, sondern die Sache weiter durchgeführt, weiterentwickelt haben und schließlich haben Realität werden lassen, natürlich mit Allahs Hilfe. Aber das zeigt, dass eine Zähheit einfach da sein muss, um Sinnvolles umzusetzen.
Red.: Vielen Dank, Bruder Imran! Noch viel Erfolg für die Weiterführung des muslimischen Seelsorgetelefons!
Liegt dir etwas auf dem Herzen? Hast du Probleme zu Hause, im sozialen Umfeld, in der Schule, der Uni oder bei der Arbeit? Weißt du nicht an wen du dich wenden sollst? Benötigst du Hilfe in einer schwierigen Lebenssituation? Dann zögere nicht beim muslimischen Seelsorgetelefon anzurufen. Die Nummer lautet: 030/443509821
Mehr Infos bekommst du auf der Website von MuTes: www.mutes.de



