Über dem Horizont
Morgensport beim MuMM
Es ist sechs Uhr morgens. Das Morgengebet ist verrichtet, die Vögel zwitschern, der Tag wacht langsam auf. Kühl weht mir der Wind ins Gesicht, belebt meine schlappen Geister und meinen müden Körper. Die Entscheidung gegen das warme, einladende Bett war nicht leicht. Eigentlich hätte ich mich viel lieber noch einmal aufs Ohr gehauen statt hier in der Kälte zu frieren, aber die Sehnsucht nach dem Meer siegte doch. Wir warten, schütteln unsere Beine im Wind, blinzeln uns mehr oder weniger verschlafen an; unsere Turnschuhe scharren auf dem Kieselboden, unsere Jogginghosen sind aufgebläht, als wollten sie uns sagen: Los!
 
Wir gehorchen ihnen willig. Auf geht es! Langsam beginnen unsere Beine sich zu bewegen, erst zaghaft, sachte, dann bestimmter, sicherer, im Gleichschritt. Unser Atem passt sich an; man spürt förmlich den Wind unsere Lungen durchfließen, so stark weht er, so heftig und schneidend. Manchmal müssen wir gegen ihn kämpfen, um nicht vom Laufen ins Gehen zu verfallen, manchmal gibt er uns von hinten zart Auftrieb, verleiht unseren Rücken Flügel, beschleunigt unseren Lauf auf angenehme Art. Wir verlassen die Jugendherberge, bewegen uns auf geteerter Straße gen Wasser, lassen Häuserzeilen hinter uns. Dann das Meer, die Sonne, der Strand – ein atemberaubender Anblick. Meine Beine haben sich ans Laufen gewöhnt, mein Atem begleitet sie wie von selbst, und ich kann mich vollkommen auf das Panorama, was meine Schritte nahezu zu einem Schweben macht, konzentrieren.
 
Ich folge dem Lauf der Sonne; glutrot scheint sie aus dem blauen Meer emporzugleiten, strebt Richtung Himmel, befindet sich leicht über dem Horizont. Ich verstehe jetzt, warum der Prophet Ibrahim auf der Suche nach Gott zwischenzeitlich in Versuchung war die Sonne für Gott zu halten – so stark nimmt sie mich in ihren Bann. Aber dann: wie groß und erhaben und schön muss erst Derjenige sein, der diesen Anblick ermöglichte, indem er Sonne, Meer, Horizont – kurz: die gesamte Schöpfung – schuf? Seine Schönheit muss also weit über den Horizont hinausreichen; dieser Anblick kann Seiner Schönheit nicht das Wasser reichen! Unvorstellbar für uns Menschen!
 
Wir werden langsamer, unser Laufen wird zum Gehen, unser Gehen zum Stehen. Wir richten uns zu Meer und Sonne, dehnen unsere warmgewordenen Glieder, strecken unsere Geister sinnbildlich, gehen zum Sand, der unsere Schritte verschlucken will, genießen den Sonnenaufgang für ein paar Augenblicke. Dann geht es zurück Richtung Jugendherberge, Richtung Bett. Unser Laufen setzt erneut ein. Die Sonne joggt mit, bis wir schließlich rechts abbiegen und der Weg am Meer durch die geteerte Straße ersetzt wird. Der Schritt wird langsamer, das Gesicht röter, der Atem atemloser, die Stirn schweißnass. Erschöpfung macht sich schleichend breit. Ein letzter Blick zu Sonne und Meer, die schon sehr bald hinter den Häuserfassaden verschwinden. Dann sind wir angekommen, strecken und dehnen uns noch einmal bevor wir uns verabschieden und in unsere Häuser verschwinden.
 
Längst ist dieser Morgen vergangen, längst sind wir alle wieder zu Hause und zum Alltag zurückgekehrt, längst sind dem Laufen am Strand weitere sportliche Betätigungen gefolgt. Doch manchmal, ganz unerwartet, streifen meine Gedanken dieses eine Erlebnis am Meer. Dann zieht der Wind wieder durch meine Lungen, meine Beine laufen im Gleichschritt, und die glutrote Sonne über dem Meer verschlägt mir den Atem. Unvergesslich!

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