"Dialog ist aufeinander zugehen"
Interview mit Rajaa zur Dialogarbeit der MJD
Schwester Rajaa aus der MJD engagiert sich seit etwa zwei Jahren in der Dialogarbeit. Wir wollten von ihr wissen, welchen Stellenwert der Dialog in der MJD einnimmt und was bereits läuft.
Red.: Wie würdest du Dialogarbeit definieren?
Rajaa: Unter Dialogarbeit verstehe ich das gegenseitige Aufeinanderzugehen. Dabei ist Voraussetzung, dass ich meinem Gegenüber vorurteilslos entgegenkomme und offen für ihn bin. Ohne auf ihn einzugehen und den Entschluss, ihn verstehen zu wollen, gibt es keinen Dialog. Das verlangt natürlich viel an Verständnis und Toleranz. Und dass ich mein Gegenüber zuallererst einmal akzeptiere, wie er ist.
Red.: Also du als Muslima siehst es nicht als deine Rolle, nur andere Leute über dich aufzuklären, sondern auch selbst andere zu verstehen?
Rajaa: Genau. Es ist so, wie der Name ,,Dialog“ schon sagt – es ist ein Gespräch, das von beiden Seiten ausgeht.
Red.: Warum eigentlich Dialogarbeit? Warum siehst du die Notwendigkeit darin?
Rajaa: Das basiert mehr oder weniger auf persönlichen Erfahrungen. Der richtige Anfang meiner Dialogarbeit war in der MJD. Ich habe ganz klassisch angefangen: das erste Mal in der Moscheeabgeleitet vom arabischen "masdschid" (wörtlich: Ort der Niederwerfung); in erster Linie Ort des gemeinschaftlichen Gebets; darüber hinaus Nutzungsmöglichkeiten für soziale, kulturelle und erzieherische Funktionen bei uns in Bergheim. Da hat uns ein Kulturverein aus Köln besucht, der mich mit seinem Interesse und der Vorurteilslosigkeit völlig überraschte. Das Feedback fiel entsprechend positiv aus und mir wurde klar, wie wichtig Dialog ist. Die Erkenntnis, die ich aus dieser ersten Erfahrung besonders gezogen habe, ist, dass gerade Jugendliche in diesem Bereich unbedingt gebraucht werden – eben weil sie mittendrin sind. Sie verstehen beide Seiten, da sie eben Teil von beidem sind. Das war auch die Rückmeldung der Besucher; Dialog von Jugendlich ist eben sehr angenehm, weil man sich gegenseitig verbunden fühlt. Das heißt aber nicht, dass Ältere aus dem Dialog ausgeschlossen werden sollten; sie sollten genauso Teil sein. Ich persönlich mache Dialogarbeit, weil ich mich verpflichtet fühle. Nach zwei oder drei Veranstaltungen wird einem klar, wie groß der Bedarf ist, und wie viel man dadurch zum Positiven verändern kann.
Red.: Deine Dialogarbeit findet momentan im Rahmen der MJD statt. Wo ist der Platz der Dialogarbeit in der MJD?
Rajaa: Die Priorität liegt sehr weit oben. Natürlich ist die Stärkung der inneren Struktur, also zum Beispiel Lokalkreise und MJ-Kurse sehr wichtig, aber die Dialogarbeit steht dem in nichts nach. Die beiden Bereiche hängen eigentlich auch sehr stark miteinander zusammen. Im MJ-Kurs bekomme ich unter anderem die Instrumente und das Wissen, um Dialogarbeit zu machen. Der Dialog ist in der MJD ein ergänzender Teil, der auf gar keinen Fall wegzudenken ist. Wir stehen für eine muslimisch-deutsche Identität, und eng damit verbunden ist der Dialog mit verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen.
Red.: Wie waren deine bisherigen Erfahrungen?
Rajaa: Grundsätzlich auf jeden Fall positiv, einfach weil die Menschen so offen auf uns zugegangen sind und einfach alles gefragt haben, was ihnen auf dem Herzen lag. Es war aber auch oft so, dass in einer Gruppe dann ein oder zwei Leute sind, die sehr skeptisch sind und viele Vorurteile haben. Umso erstaunlicher war dann aber zu sehen, wie die anderen sofort aus dem gerade eben Gelernten versuchten, diese Vorurteile abzubauen. Dieser Lernprozess ist einer der Dinge, die ich am interessantesten finde. Wirklich negative Erfahrungen habe ich in dem Sinne nicht gemacht.
Red.: Bist du schon lange in der Dialogarbeit tätig?
Rajaa: Angefangen habe ich vor zwei Jahren; unter anderem gehörte dazu auch das Besuchen von Veranstaltungen. Richtig aktiv bin ich seit einem Jahr, seit der Kooperation mit der internationalen Austauschorganisation AFS.
Red.: Würdest du es auch schon als Dialog bezeichnen, wenn ein Muslim im Rahmen des Alltags, in der Schule, Uni, im Berufsleben Fragen beantwortet?
Rajaa: Ja. Auf jeden Fall. Eine Muslima z.B. mit Kopftuch, die gefragt wird, warum sie es trägt und dann mit Klassenkameraden darüber spricht, betreibt auch schon Dialogarbeit. Zwar im kleineren Rahmen, aber dennoch ist das enorm wichtig und nicht zu unterschätzen. Hier fängt alles an: das Verhalten in der Klassengemeinschaft, die Freundschaften. Außerdem ist es dabei besonders wichtig, dass man auch hinter dem steht, was man tut. Jeder könnte die richtigen Quranverse zitieren usw., was ja auch sehr wichtig ist, aber das allein bringt dem Fragenden nur wenig. Es müssen ganz viele persönliche Erfahrungen mit einfließen, weil wir eben Menschen sind und uns das Persönliche gerade anspricht.
Red.: Um auf die MJD zurückzukommen: Was für Dialog-Projekte gab es in der Vergangenheit?
Rajaa: Zum einen gab es die Kooperation mit dem AFS. AFS ist eine Organisation, die sich um den Schüleraustausch von Jugendlichen kümmert mit dem Ziel Toleranz und Völkerverständigung zu fördern. Uns ist damals aufgefallen, wie viele muslimische Jugendliche dabei sind, und so hat sich die MJD entschlossen, den AFS zu unterstützen. In der Kooperation hatten wir schon ein Projekt, in dem es darum ging, den Jugendlichen darzulegen, wie die Blickwinkel des anderen sind, um Gemeinsamkeiten aufzuzeigen. Dies haben wir gemacht, indem wir die Jugendlichen z.B. gefragt haben, was für sie in ihrem Leben besonders wichtig ist. Zusätzlich kommen momentan so einige andere Projekte ins Rollen. Diese sind übrigens durch Veranstaltungen entstanden, auf denen wir waren. Wir sind anderen Organisationen aufgefallen und so ins Gespräch gekommen.
Red.: Die Dialogarbeit der MJD ist also rege in Bewegung?
Rajaa: Im Großen und Ganzen würde ich sagen ja, wir sind in Bewegung und es wird inschaAllahwörtlich: wenn Allah will; solange Allah zulässt; wenn man etwas zu tun beabsichtigt oder jemandem etwas verspricht, soll noch „inschâallâh“ hinzugefügt werden noch mehr.
Red.: Vielen Dank für das Interview, Rajaa! Und viel Erfolg bei der weiteren Dialogarbeit!
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