"Es ist nicht mein Wissen"
Interview mit Prof. Rafik Beekun

Der amerikanische Professor Rafik I. Beekun, ursprünglich aus Mauritius, konzentriert sich auf die Gebiete strategisches und internationales Management, Wirtschaftsethik und Leadership und hat dazu bereits zahlreiche Workshops angeboten, unter anderem auch bei der MJD Summerschool. Momentan unterrichtet er an der University of Nevada. Mit seiner Frau und seinen Kindern lebt er in Sparks im Bundesstaat Nevada. Wir haben ihn interviewt.

 

Redaktion: Bruder Rafik, du hast die letzten paar Tage mit uns auf der Summer School verbracht. Wie hat es dir gefallen?

 

Beekun: Ich bin sehr beeindruckt von der Qualität eurer Beiträge und auch von eurer generellen Einstellung: die Leidenschaft an der Sache, euer Iman und auch wie wenig Sprachprobleme ihr hattet. Auch wenn Englisch nicht eure Muttersprache ist, hatte ich das Gefühl, mit euch eine Sprache zu sprechen...ohne eine gemeinsame Sprache zu sprechen. Versteht ihr, was ich meine? Dieser Workshop war der beste, den ich seit langem gegeben habe.

 

Redaktion: Wie hört sich Deutsch denn für dich an? Viele finden, es klingt sehr hart.

 

Beekun: Ganz ehrlich – ich bin ja zur British Grammar School (entsprechend den deutschen Gymnasien) gegangen, und ich wollte immer Deutsch lernen, wegen der Filme und weil ich finde, dass es schön klingt. Ich war zwar schon zweimal in Deutschland, aber immer nur auf englischsprachigen Veranstaltungen, also fand ich es diesmal ganz besonders. Ich war von den Nasihas und den Duas mit euch bewegt, obwohl ich nur die arabischen Teile verstehen konnte. Wenn das Herz spricht, spielt die Sprache keine Rolle.

 

 

Red: Wer waren deine 'Leader'? Wer hat dich zu dem geführt, der du heute bist?

 

Beekun: Ich kann wohl eher von Helden sprechen. Meine Mutter ist die Heldin meines Herzens. Als ich jung war, 17 ungefähr, da hab ich den Islamwörtlich: „heil sein“, „unversehrt sein“, „Unterwerfung“, „Gottergebenheit“; die Ergebung in Gottes Willen; die Bezeichnung der von Gott für den Menschen vorgesehenen Lebensweise der friedvollen Hingabe nicht ganz so ernstgenommen. Ich war zwar schon religiös, aber ich hab mich mehr auf meine schulische Karriere konzentriert. Meine Mutter hat damals einen Freund gebeten, mich in eine muslimische Jugendgruppe einzuladen. Da gab es eine Versammlung, bei der es um den Islam und die Wissenschaft ging. In diesem Vortrag war ich das erste Mal stolz, Muslim1) wörtlich: der sich Unterwerfende, der sich Hingebende; Anhänger des Islams.2) (gest. 875); Kompilator des Hadîth; wie Buchârî, ein Verfasser des „Sahîh“ genannten Werkes zu sein. In der Schule wurde ich dafür von meinen Mitschülern geschlagen.

In der Moscheeabgeleitet vom arabischen "masdschid" (wörtlich: Ort der Niederwerfung); in erster Linie Ort des gemeinschaftlichen Gebets; darüber hinaus Nutzungsmöglichkeiten für soziale, kulturelle und erzieherische Funktionen traf ich dann einen Mann, der mich sehr berührte in seiner Art und Weise einen Quranvers zu erklären. Er hat mir gezeigt, dass Sinn und Vernunft im Quran und im Islam insgesamt stecken. Ich versuche nun immer, den Quran auf gleiche Weise zu vermitteln.

Zuletzt, natürlich, der Prophet Muhammad1) der Gepriesene; der Verherrlichte; der Prophet des Islams; der Gesandte Gottes und letzter aller vom Schöpfer entsandten Propheten an alle Menschen 2) 47. Sure des Korans; 38 Verse; offenbart in Medina. Mein neues Buch hatte den ursprünglichen Titel „Muhammad as CEO“ (Mohammed als Vorsitzender). Er zeigt uns, wie wichtig Tugendhaftigkeit in der Rolle einer Führungskraft ist.

 

Red: Wie hast du die Notwendigkeit der Verbesserung von islamischen Führungskräften entdeckt?

 

Beekun: Als ich zur Uni in Columbia gegangen bin, hatte ich keine Ahnung, in welchem Fach ich meinen Abschluss (Major) machen sollte, Englisch oder Französisch. Da sagte mir ein Kommilitone, Jamal Badawi, der nun mein Co-Autor ist: „Tausende Leute machen einen Abschluss in Französisch in Frankreich, was willst du denn damit?“ Er empfahl mir, mich in Management einzuschreiben. Danach fingen wir an Workshops anzubieten, andere zu trainieren, bis uns jemand bat, ein Buch darüber zu schreiben. Wir hätten niemals gedacht, dass es so gefragt sein würde, jetzt sogar in Saudi Arabien. Der Islam hat über Führungsstile etwas zu sagen, das man woanders nicht findet.

 

Man sieht die Notwendigkeit von Workshops und der Auseinandersetzung mit Führungsstilen im Islam überall. Viele Muslime haben die besten Absichten, aber null Professionalität. Oder man setzt sich zusammen und redet darüber, dass Toilettenpapier im Moschee-WC fehlt, anstatt über Islamophobie zu diskutieren. Man fragt sich: Könnte der muslimische Führungsstil besser sein? Man muss das Beste tun für den Islam, nicht wenn man mal nichts zu tun hat – vielmehr sollte man wirklich seine Zeit dafür opfern. Wir haben uns die Tugenden ja auch in diesen Tagen angesehen - Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit - und verschiedene islamische Führungsstile entwickelt. So etwas ist enorm wichtig.

    

 

 

Red: Es gibt sicherlich Probleme mit dem Copyright bei der Veröffentlichung deiner Bücher, oder?

 

Beekun: Ich habe einen Freund in Saudi Arabien. Er kam zu mir und sagte „Ach Rafik, wir finden dein Buch wirklich toll! Wir haben es übersetzt, es läuft sehr gut.“ Er hat gesagt, sie würden ziemlich viel Geld damit machen. Natürlich war ich zunächst ziemlich vor den Kopf gestoßen, aber dann habe ich mir gesagt, was soll´s, fisabilillah! Tariq Ramadander 9. Monat im islamischen Kalender; der Fastenmonat, mein guter Freund, hat das gleiche Problem und er sieht es genauso wie ich. Ich habe Wissen über effektive Führungsstile. Allah verlangt, dass du das Wissen, das er dir gibt, weitergibst. Das ist nicht mein Wissen, ich kann es nicht für mich behalten. Es geht nicht um das Geld. Ich habe jetzt den Verleger gewechselt, der zwar sehr gut ist, den Preis aber sehr hoch veranschlagt hat. Das ist gut für Professionelle, die sich das leisten können, aber der anderen Seite muss ich meine Bücher aber auch günstig anbieten können. Es geht darum, dass sie Menschen nützen, nicht darum, Unmengen an Geld damit zu verdienen. Ich habe auch kein Problem, allen den Zugang zu den Präsentationen all meiner Workshops zu Verfügung zu stellen. Nur um eines mache ich mir Sorgen. Ich habe Angst, dass jemand die Quranverse und Ahadithder Bericht; die Überlieferung; Aussprüche und Taten des Gesandten Gottes Muhammad (saw); Bezeichnung für die Berichte, in denen die Sunna Muhammads (saw) überliefert wurde, die inbegriffen sind, falsch übersetzt – damit muss man vorsichtig sein, das ist eine große Verantwortung! Ich bitte nur darum, rücksichtsvoll mit diesen Übersetzungen umzugehen.

 

 

 

Red: Was ist die wichtigste Eigenschaft einer Führungskraft?

 

Beekun: Das ist eine gute Frage. Das kann man kaum auf eine Eigenschaft begrenzen. Sagen wir, wir sprechen von einer muslimischen Führungskraft und sagen wir, wir setzen Taqwa (Gottesbewusstsein) voraus. Dann bleiben wir meines Erachtens bei zwei Eigenschaften: Kompetenz und Gerechtigkeit.

 

Red: Und bei den Gruppenmitgliedern, die von dieser Führungskraft geleitet werden?

 

Beekun: Ein Gruppenmitglied muss nicht nur gehorchen können, sondern gehorchen auf eine Weise, die einen nicht davon abhält, den Leiter zu korrigieren, wenn es nötig ist. Sie folgen ja nicht dem Leiter an sich, sondern der Botschaft. So wie es der Hadith besagt: „Gehorsam gegenüber dem Befehlshaber ist nur im Guten erforderlich.“ (Bukhari)

 

 

Red: Nimmst du selbst gerne Führungspositionen ein? Hältst du dich für eine kompetente Führungskraft?

 

Beekun: Ich war schon oft in Führungspositionen. Jeder hat seine Schwächen und Stärken. Meine Frau ist zum Beispiel jemand, die gut Sachen anpacken kann. Aber sie sagt immer: „Wenn es einen Notfall gibt, dann hole ich dich!“ Ich bin jemand, der durchgreifen kann, aber nunmal nicht immer auf die nette Art und Weise. Ab einem bestimmten Punkt muss man in einer Führungsposition die Ummahdas Volk; die Nation; die Gemeinde; die weltweite Gemeinschaft der Muslime retten, eine Grenze ziehen. Das kann ich.

 

Red: Wie genau würdest du deinen eigenen Führungsstil beschreiben?

 

Beekun: Ich bin nicht unbedingt autoritär, ich lege Wert darauf, die Allgemeinheit miteinzubeziehen, aber ich bin sehr konzentriert auf das Ziel. Ich glaube stark daran, dass man ein Team aufbauen muss.

 

Red: Was sind deine Schwächen beim Führen?

 

Beekun: Ich werde ungeduldig, wenn Fristen oder Zeitpläne nicht eingehalten werden und auch, wenn ich den Eindruck habe, dass jemand nicht das leistet, was er eigentlich könnte.

 

Red: Hast du eine Vision für deine Arbeit?

 

Beekun: Ich würde mir wünschen, dass Islamic Management ein etabliertes und anerkanntes Feld wird.

 

Red: Vielen Dank, Rafik Beekun!

 

Veröffentlichte Bücher:

  • Beekun, Rafik/ Badawi, Tariq (1999): Leadership: An Islamic Perspective. Amana Publications.
  • Beekun, Rafik (1997): Islamic Business Ethics (Human Development Series). Amana Publications.
  • Beekun, Rafik (2006): Strategic Planning and Implementation for Islamic Organizations. International Institute of Islamic Thought.

 

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