Im Gedenken an Allah
Ramadan-Grußwort des Vorstands

Dem Leben Leben geben

Das Paradoxe der Zeit, schrieb jemand, ist, dass wir höhere Gebäude, aber kleinere Gemüter haben, breitere Autobahnen, aber engere Sichtweisen. Wir geben mehr aus, aber haben weniger, wir kaufen mehr, aber erfreuen uns weniger daran. Wir haben größere Häuser, aber kleinere Familien, mehr Annehmlichkeiten, aber weniger Zeit. Wir haben mehr Experten, aber auch mehr Probleme, mehr Medizin, aber weniger Wohlbefinden. Wir haben unsere Besitztümer vervielfacht, aber unsere Werte reduziert. Wir reden zu viel, lieben zu selten und hassen zu oft. Wir haben gelernt uns durchs Leben zu schlagen, aber nicht gelernt ein Leben zu haben. Wir haben dem Leben Jahre hinzugegeben, aber nicht den Jahren das Leben. Wir haben den ganzen Weg zum Mond zurückgelegt, aber Schwierigkeiten, die Straße zu überqueren, um unseren Nachbarn kennen zu lernen. Wir haben den Weltraum erobert, aber nicht unser Innerstes. Wir haben große Dinge getan, aber nicht bessere. Wir haben die Luft gereinigt, aber unsere Seele verschmutzt…Es mögen Beobachtungen dieser Art sein, die Oscar Wilde dazu brachten zu diagnostizieren, dass das Leben, das […] Allerseltenste in der Welt“ sei - die meisten Menschen existierten nur. Diese harten Worte führen uns zu der Frage: Was macht das Leben aus? Was also lässt den Menschen leben?
 
Erinnern macht lebendig

Der Prophet, Allahs Segen und Friede auf ihm, sagte: Das Gleichnis dessen, der seines Herrn gedenkt, und dessen, der seines Herrn nicht gedenkt, ist wie das eines Lebenden und eines Toten.“ (Bukhari) Deutlichere Worte kann man für den Wert des Gedenkens nicht finden: So wie der Körper verwest, wenn ihm das Leben genommen wird, ist es die Seele, die eingeht, wenn sie Allahs nicht gedenkt. Denn gleichermaßen wie der Körper Nahrung, Pflege und Bewegung braucht, um zu leben, bedarf die Seele ihrer Versorgung, die sie am Leben hält. Imamder Vorbeter; der Führer; der Leiter; das Vorbild Taymiya soll hierzu gesagt haben: „Gedenken (Dhikr) ist für das Herz, was für den Fisch das Wasser ist. Wie würde der Zustand des Fisches sein, wenn er das Wasser verließe?“
Diese große Wirkung des Gedenkens liegt in der Natur des Menschen, der in sich die Veranlagung zum Vergessen trägt. Dies kommt auch in dem arabischen Wort „Inssan“ (=Mensch)  zum Ausdruck, denn es ist auf das Wort „Nisian“ zurückzuführen, welches Vergesslichkeit bedeutet. Das Gedenken ist für den Menschen eine Form der Erinnerung, die Vergegenwärtigung dessen wer er ist, wofür er geschaffen ist, vor allem aber wer ihn und die Welten erschaffen hat und zu wem er zurückkehren wird.

Und was erinnert uns mehr als ein konsequenter Magen? Als der konsequente Verzicht auf Essen und anderes, dem sich die Gesellschaft um einen herum hingibt? Durch dieses konsequente Verzichten für Allah werden wir uns seiner Anwesenheit bewusster und sind in einem permanenten Zustand des Erinnerns. Und wenn wir das Erinnern im Sinne des Propheten erleben, so ist es ein Zustand des Lebens. Vielleicht ist der Grund, warum die Menschen überall auf der Welt den Ramadander 9. Monat im islamischen Kalender; der Fastenmonat sehnsüchtig erwarten, die Tatsache, dass er uns wieder aufleben lässt, weil wir in ihm uns und unseren Herren wiederfinden und dadurch das Leben auf neue Weise spüren lernen.
 
Der Ramadan ist unsere Höhle Hira. So wie der Prophet sasAbkürzung für „sallallâhu alajhi wa sallam“ („Der Friede Allahs sei auf ihm“); Bei der Nennung des Namens des Gesandten Gottes Muhammad (sas) sprechen die Muslime diesen oder einen ähnlichen Segenswunsch aus. sich zurückzog, ist der Ramadan unser Rückzugsort. Das Wort Hira bedeutet linguistisch ‚suchen‘, und zwar mit dem Wissen darüber, was man sucht. Der Prophet (sas) begab sich also auf die Suche nach sich selbst.
Er hat sich der gesellschaftlichen Einflüsse entzogen, um sich selbst und seinen Schöpfer zu erkennen, und mit dieser bewussten Erkenntnis kehrte er in die Gesellschaft zurück. Noch mehr als eine Zeit des Verzichts aber ist der Ramadan eine Zeit des Nehmens. Du bekommst von niemand anderem als Allah, daran soll der Ramadan dich erinnern.
 
Das beste Beispiel der Enthaltung ist das von Maryam (a.s.):  Nachdem ihr der Ruh von Isa eingeflößt worden war, gab Allah ihr auf zu fasten, aber nicht, indem sie sich vom Essen enthält, sondern von Worten: „Und wenn du nun jemanden von den Menschen sehen solltest, dann sag: Ich habe dem Allerbarmer Fasten gelobt, so werde ich heute mit keinem Menschenwesen sprechen." (Qurandas gesegnete Buch des Islams; wörtlich: „die Rezitation“, „das oft Gelesene“; das Vorgetragene; die Lesung; der Vortrag; das von Allah an Seinen Gesandten Muhammad (saw) offenbarte Buch in arabischer Sprache 19:24-26)

In dieser Situation, als sie als Jungfrau ihr Kind gebahr und mit ihm zu den Menschen zurückkehren sollte und schon erahnen konnte, mit welchen Vorwürfen man ihr entgegnen würde, gab ihr Allah die Enthaltsamkeit vom Sprechen auf. Gewiss schien gegenwärtig ihre stärkste Waffe, um sich zu verteidigen, ihre Zunge zu sein, aber genau darauf sollte sie verzichten. Stattdessen zeigte sie nur auf ihren Sohn und Allah ließ ihn sprechen, und er sagte: „Wahrlich, ich bin der Diener Allahs.“ Welch besseres Argument seine Worte doch waren, in Vergleich zu allem, was Maryam (a.s.) hätte sagen können. Und so hat die Enthaltung ihr mehr genützt, als sie jemals erahnen konnte, und entheilt eine eigene Weisheit. So erleben auch wir beim Fasten, dass wir durch die Enthaltung etwas Gewichtigeres erhalten: die Schwächung deines Körpers geht einher mit der Stärkung deiner Seele.  
 
Was nehmen wir vom Ramadan?

Alles Lob gebührt ALLAH, Dem Schöpfer der Himmel und der Erde, Der die Engel zu Gesandten mit zwei, drei und vier Flügeln machte. ER fügt der Schöpfung hinzu, was ER will. Gewiß, ALLAH ist über alles allmächtig. (35:1)

Es liegt allein in unserer Hand. Allah gibt und mehrt, wie er will. Aber wem wird Allah geben? Dem, der es begehrt und dem, der danach fragt. Jeder Tag, der vergeht, jede Stunde, die vorbeizieht, und jeder Moment, der verstreicht, wird nicht mehr wiederkommen, noch besitzt jemand auf dieser Erde die Kraft, die verstrichenen Minuten wieder rückgängig zu machen. So sagte dazu Hasan Al-Basri: "Jeden Tag, wenn der Morgen anbricht, wird gerufen: 'Oh Sohn Adams, ich bin eine neue Schöpfung. Heute bezeuge ich deine Taten, so bereite dich vor; denn wenn ich vergehe, so kehre ich nicht wieder zurück, bis die Stunde des Gerichts einbricht!'"
 
Sogar der Prophet (sas) sagte: „Diejenigen, die ins Paradies eintreten, werden nichts, was sie in diesem Leben taten, bedauern, bis auf die Momente, die sie ohne das Gedenken an Allah verbracht haben.“
In diesem Sinne wünschen wir euch als Vorstand einen gesegneten Ramadan: Möge Allah uns zu denjenigen gehören lassen, die durch den Ramadan und im Ramadan jeden Tag nutzen, um ständig Allahs zu gedenken und so zu LEBEN, auf dass sie nicht zu denen gehören, die Momente bedauern, die sie ohne das Gedenken an Allah verbracht haben.
 
Malika für den MJD-Vorstand
 

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