mit dem Titel „Türkischer Autor propagiert mittels in Deutschland vertriebenem Buch die strikte Ablehnung kultureller Differenz“
In einer Internet-Meldung des Landesamtes für Verfassungsschutz Baden-Württemberg, die im Dezember 2005 unter der Rubrik „Aktuelles, Islamismus“ veröffentlicht wurde, wird über das Buch „Ratschläge an meine jungen Geschwister“ des türkischen Autors Mustafa Islamoglu berichtet, welches die Muslimische Jugend in Deutschland e.V. (MJD) in ihrem Buchverlag Green Palace verlegt hat. Die Meldung ist eine Ansammlung von zahlreichen Vorwürfen gegenüber dem Autor und dem Herausgeber des Buches.
Die Aussagen und damit die unterstellten Vorwürfe aus der Meldung des Verfassungsschutzes kommen dadurch zustande, dass konsequent und mit fraglicher Absicht Zitate aus dem Zusammenhang gerissen und dann hintereinander so zusammengesetzt werden, dass ein scheinbar gewünschtes Ziel erreicht wird, sprich dass dem Buch eine bestimmte politische Aussage zugeschrieben wird. Diese Vorgehensweise gipfelt schließlich in den Vorwürfen der Propagierung „der strikten Ablehnung kultureller Differenz“ und der Unterstellung einer „schädlichen, ja destruktiven Wirkung“; so heißt es in der Meldung, „doch darin eindeutig die Abschottung gegenüber der Umgebungsgesellschaft bei deren gleichzeitig angestrebter Umformung im Sinne einer Ordnung nach den Regeln des Islam propagiert“ wird „und damit die Unterstellung sämtlicher Lebensbereiche unter das Primat der Religion.“
Entgegen den Aussagen der Meldung macht der Autor im Buch keinerlei politische Aussagen und widmet sich ausschließlich der Persönlichkeitsentwicklung und spricht Themen an wie Charaktereigenschaften, gutes Benehmen und Umgang mit anderen Menschen. Nach unserer Meinung ist allein die Lektüre des Buches „Ratschläge an meine jungen Geschwister“ ausreichend, um dies festzustellen. Der Leser wird schnell feststellen, dass keine einzige Aussage der Meldung, wenn auch nur im Geringsten, Bestand hat.
Für uns ist es aber auch durchaus verständlich, dass die Meldung des Verfassungsschutzes Bedenken an der MJD auslöst. Aber eine Bewertung der MJD anhand nur einer Meldung, die noch nicht einmal ansatzweise Kriterien erfüllt, die man wissenschaftlich nennen würde oder die man bei einer staatlichen Behörde wie dem Verfassungsschutz vermuten würde, ist in mehrfacher Hinsicht bedenklich. Wir erkennen die Wichtigkeit der Arbeit der Verfassungsschutzbehörden in Deutschland an. Wir haben aber extreme Bedenken hinsichtlich der Objektivität und der Absichten mancher Mitarbeiter, wenn das Ergebnis Meldungen sind, die wie in unserem Fall keiner objektiven Überprüfung standhalten.
Im Folgenden möchten wir exemplarisch einige der Vorwürfe der Meldung aus dem Buch heraus widerlegen. Eine ausführliche Stellungnahme mit einer Widerlegung aller geäußerten Vorwürfe ist hier verfügbar.
Zum Vorwurf der strikten Ablehnung kultureller Differenz :
Schon der Titel der Meldung „Türkischer Autor propagiert mittels in Deutschland vertriebenem Buch die strikte Ablehnung kultureller Differenz“ ist nicht haltbar. Im Vorwort des Autors, der auch Dichter ist, heißt es:
„Dass meine Bücher in die Sprache übersetzt werden, in der R. M. Rilke, der eine Lobeshymne an den letzten Gesandten geschrieben und in der Goethe, der ebenfalls ein Bewunderer des Propheten gewesen war, gesprochen und geschrieben hat, besitzt eine weitere Bedeutung für mich.“[1]
Kann man jemandem, der sich als Türke mit Rainer Maria Rilke und Johann Wolfgang Goethe auseinandersetzt und seine Bewunderung ihnen gegenüber ausdrückt, vorwerfen, er betreibe eine „strikte Ablehnung kultureller Differenz“[2]? Rilke und Goethe sowie Sokrates, den er in seinem Buch positiv erwähnt[3], haben als Nichtmuslime unbestritten herausragende kulturelle und geistige Beiträge in ihren jeweiligen Gebieten geleistet, und sind somit nicht geeignet, sich auf sie zu berufen, um kulturelle Differenz abzulehnen.
Zum Vorwurf der Nichtanpassung an eine nicht-islamische Gesellschaft
In der Meldung heißt es:
Einer nicht-islamischen Gesellschaft oder Umgebung dürfe man sich nicht anpassen, sondern hier obliege es den Muslimen, diese nach den eigenen Glaubensgrundsätzen umzuformen:
„Der Muslim ist jemand, der sich nicht der Umwelt, in der er sich befindet, anpasst, sondern er ist eine Persönlichkeit, die ihr Umfeld entsprechend ihrer Überzeugung verändert.“[4]
Der Autor spricht in ganzen Kapiteln über Gesundheit und Sauberkeit, Akhlaq (Charakter), Adab (Anstand und gutes Benehmen), Zwischenmenschliche Beziehungen sowie Gerechtigkeit. Die Ratschläge, die in diesen Kapiteln erwähnt werden, haben universellen Charakter. Als Beispiele seien aufgeführt:
Achtet auf eure Gesundheit und schützt euren Körper …[5]
Achtet auf Sauberkeit und Ordnung.[6]
Seid in euren Worten und in eurem Kern aufrichtig! Gewöhnt euch nicht an die Lüge. Wenn ihr sprecht, sollen die Menschen ohne zu zögern über euch sagen können: „Dieser spricht die Wahrheit“. … Ein Mu’min (Gläubiger) ist jemand, vor dem man in Sicherheit ist und vom dem Frieden ausgeht. [7]
Dies ist ein klarer Aufruf, an seiner Umgebung und seiner Gesellschaft teilzuhaben und sich zu engagieren, und ist damit gleichzeitig eine Widerlegung zentraler Aussagen der Meldung des Verfassungsschutzes bezüglich einer Absage an die Integration in die deutsche Gesellschaft.
Der Autor formuliert in den obigen Zitaten, was für ihn islamisch ist, nämlich gerade der gute Charakter, und gibt dem Leser den Rat, seine Umgebung nach diesen Grundsätzen zu beeinflussen. Das, was der Autor als islamisch beschreibt, kann man aber ohne weiteres und unter anderem auch als jüdisch und christlich beschreiben, so dass Juden und Christen sicherlich kein Problem haben, dem Autor in diesen Punkten zu folgen. Das Ändern seiner Umgebung nach diesen universalen Grundsätzen, die sich auf das zwischenmenschliche Verhalten beziehen, kann für eine Gesellschaft nicht schädlich sein.
Entscheidend ist in diesem Zusammenhang, dass der Autor sich auf Charaktereigenschaften, zwischenmenschliches Verhalten, etc. beschränkt und keinerlei Aussagen zu einer Änderungen staatlicher oder politischer Strukturen macht, wie der Bericht ihm unterstellt. Wenn es gemeinsame Werte zwischen den Religionen gibt, dann liegen diese doch gerade auf dem Gebiet der Moral und Ethik.
Unser kurzes Fazit: Die Meldung mit seinen mutwillig aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten lebt davon, dass man das behandelte Buch nicht zwangsläufig liest. Allein die bloße Lektüre, die wir jedem empfehlen, der sich ein richtiges Bild vom Buch machen möchte, entkräftet alle erhobenen Zweifel und Anschuldigungen ohne weiteres.
[1] „Ratschläge an meine jungen Geschwister“, S. 14
[2] „Türkischer Autor propagiert mittels in Deutschland vertriebenem Buch die strikte Ablehnung kultureller Differenz“
[3] „Ratschläge an meine jungen Geschwister“, 127. Ratschlag, S. 59
[4] „Türkischer Autor propagiert mittels in Deutschland vertriebenem Buch die strikte Ablehnung kultureller Differenz“
[5] „Ratschläge an meine jungen Geschwister“, 76. Ratschlag, S. 41
[6] „Ratschläge an meine jungen Geschwister“, 78. Ratschlag, S. 41
[7] „Ratschläge an meine jungen Geschwister“, 85. Ratschlag, S. 44





