Assalamu aleikum Bruder Fazlun und Schwester Sabah! Schön, dass ihr hier aufs Meeting gekommen bist! Könntet ihr euch kurz vorstellen?
Fazlun: Natürlich. Ich bin Fazlun Khalid und komme aus England und bin von dort hier zum Meeting gekommen. Ich habe eine Organisation gegründet, die Islamische Stiftung für Ökologie und Umweltwissenschaften (IFEES) und habe islamisches Umweltrecht studiert. Durch die Organisation versuchen wir eine islamische Perspektive auf Umweltfragen zu bieten, indem wir den Lehren des Korandas gesegnete Buch des Islams; wörtlich: „die Rezitation“, „das oft Gelesene“; das Vorgetragene; die Lesung; der Vortrag; das von Allah an Seinen Gesandten Muhammad (saw) offenbarte Buch in arabischer Sprache und der Sunna des Propheten (sasAbkürzung für „sallallâhu alajhi wa sallam“ („Der Friede Allahs sei auf ihm“); Bei der Nennung des Namens des Gesandten Gottes Muhammad (sas) sprechen die Muslime diesen oder einen ähnlichen Segenswunsch aus.) folgen.
Sabah: Mein Name ist Sabah Khalid. Ich bin vor 41 Jahren Muslima geworden. Während der sechziger Jahre war ich sehr aktiv in der alternativen Bewegung, insbesondere in der feministischen. Als ich Muslima wurde, war ich weiterhin aktiv, vor allem im interreligiösen Dialog. In den achtziger Jahren heiratete Fazlun Khalid.
Fazlun, du hast – weltweit einzigartig – die islamische Umweltorganisation IFEES gegründet. Wie kam es dazu?
Fazlun: In den achtziger Jahren und auch schon davor war ich sehr besorgt um die Themen Umweltverschmutzung und Biodiversität, Klimawandel und so weiter. Ich engagierte mich in Mainstream-Organisationen, weil mir die starke Abwesenheit von Muslimen in dem Gebiet aufgefallen war. Und auch wenn andere Muslime in der Bewegung ansatzweise aktiv wurden, fehlte doch diese speziell islamische Perspektive. Das forderte mich heraus. Um mehr darüber herauszufinden ging ich zu Beratern und Ulama (islamischen Gelehrten), aber sie hatten kein Bewusstsein für Umweltfragen und konnten mir nicht helfen. Also kehrte ich zur Universität zurück und studierte islamische Theologie, um die koranischen Dimensionen von Umwelt zu verstehen.
Was hat der Islam mit Umwelt zu tun?
Fazlun: Ich war und bin überzeugt davon, dass der Islam an sich ein Umweltbewusstsein mit sich bringt. Islam ist ein Synonym für dieses Umweltbewusstsein, für den richtigen Umgang mit Allahs Schöpfung. Aber wir haben diese Verbindung im Laufe der Zeit vergessen. Nach meinem Studium war es meine Aufgabe das Wissen, was ich erlangt habe, in irgendeiner Form in Aktion umzuwandeln. Ich wollte Menschen aufklären – durch Trainings-Material, das man für Projekte für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Umwelt verwenden könnte.
Was zeichnet die Arbeit von IFEES aus?
Fazlun: Zum Beispiel haben wir im Laufe unserer Arbeit ein wichtiges Projekt auf Sansibar gestartet, wo wir es geschafft haben, Fischer davon abzuhalten Korallenriffe zu sprengen. Das war ein direktes Ergebnis unserer Fortbildungen. Was die großen Umweltorganisationen wie WWF oder Consercation International innerhalb von fünf Jahren nicht geschafft haben, haben wir innerhalb eines Tages geschafft.
Durch unsere Workshops und die Techniken, die wir entwickelt haben, ist es uns gelungen die Fischer zu überzeugen, indem wir sinnbildlich ihre Sprache gesprochen haben. Der Workshop bestand aus den Leuten, die in der Fischerei tätig waren, aber auch aus Ulama, Regierungsbeamten und Moscheeleitern. Wir stellten die Verbindung her zwischen den Menschen, die von Allah die Aufgabe bekommen haben Khalifa, also Statthalter oder Stellvertreter auf Erden mit der entsprechenden Verantwortung zu sein, und dem Umweltschutz.
Wie kommt es, dass Muslime der Umweltschutz egal ist?
Fazlun: Ich würde nicht sagen, dass es den meisten Muslimen egal ist, aber ich denke, dass es einfach kein Bewusstsein für diese Dinge gibt. Wir müssen damit anfangen dieses Bewusstsein zu schaffen. Ihr Bewusstsein lässt immer noch zu wünschen übrig. Nicht nur bei Muslimen, auch in anderen Gesellschaften. Es gibt große Missverständnisse bezüglich solcher Themen, obwohl vieles davon auch in der Öffentlichkeit thematisiert wird. Praktisch und spezifisch gesehen können wir aber zu verschiedenen Orten gehen und die Fakten, die Situation in diesem jeweiligen speziellen Fall verändern.
Wie erreicht ihr die „Umweltsünder“, zum Beispiel die Leute auf Sansibar? Sprecht ihr ihre Sprache?
Fazlun: Wir sprechen nicht unbedingt die Sprache der jeweiligen Gemeinde. Unsere Sprache ist English, Arabisch ist die Sprache meiner Religion. Aber auch wenn ich die Sprache nicht spreche, kann ich mich mit den verschiedenen Übersetzungen des Koran beschäftigen. Insofern, als dass Arabisch eine universelle Sprache ist, können wir sie in spezielle Situationen und Kontexte übertragen. Zum Beispiel spreche ich kein Suaheli, habe aber in Sansibar gearbeitet. Dort gibt es Leute, die zwischen Englisch und Suaheli übersetzen. Wenn ich aber die Sprache des Koran spreche, verwende ich den Tafsir der lokal gesprochenen Sprache – also in diesem Fall die Suaheli-Übersetzung. Wenn ich nun zum Beispiel in West- oder Zentral-Afrika bin, verwende ich den Tafsir der Hausa, wenn ich in Indonesien bin, verwende ich die indonesische Version, so dass sie sofort verstehen, was ich meine. So können wir das Wissen, was sie eigentlich schon haben, entriegeln, freisetzen. Es ist, als wenn man eine Ölquelle anzapfen würde – wenn du sie einmal öffnest, fließt das Wissen heraus. In diesem Sinne gibt es für uns eigentlich wenig zu tun – wir stellen einfach nur den Schlüssel zur Verfügung und öffnen die Tür. Ich bin nur derjenige, der zum Verständnis führt. Die Schwierigkeit besteht vielmehr darin, das zu vervielfachen. Ja, wir sind eine Organisation, eine kleine – aber wir brauchen viel mehr davon, und das fehlt in der muslimischen Welt total. Wir alle können etwas tun!
Gibt es mehr Frauen oder mehr Männer, die im Umweltschutz aktiv sind?
Sabah: Meine Erfahrung ist es, dass wir mehr Unterstützung von Frauen als von Männern in unserer Arbeit bekommen. Die Männer mögen es, sich gegenseitig kleinzureden, sie sind nicht so gemeinschaftlich veranlagt wie Frauen. Männern haben das Bedürfnis Frauen zu schützen. Aber dieses Muttergefühl – dieses Verständnis dafür, was passiert und dieser Beschützerinstinkt findet man eher bei Frauen. Es wird oft unterschätzt, aber diese Fähigkeiten haben viele Vorteile. Ich würde nicht darüber besorgt sein, wenn Frauen die Umweltbewegung anführen.
Wenn wir muslimische Männer sehen, die emigriert sind, dann sehen wir, dass sie sehr damit beschäftigt sind in Großstädten zu überleben, das Leben zu managen und sich selbst zu etablieren. Es geht so sehr um Politik. Ihr Fokus liegt nicht so sehr darauf, was um sie herum passiert. Frauen dagegen haben diesen Fokus natürlicherweise. Sie möchte, dass die Welt als Ganzes für ihre Kinder sicher ist, und dieser Gedanke setzt sich über Generationen hinweg fort.
Welches Potential steckt darin, beim Thema Umweltschutz islamische Lehren hinzuzuziehen?
Fazlun: Die Lehre des Koran zeichnet sich durch eine völlige Klarheit aus. Im Traning unterscheiden wir zwischen vier verschiedenen Prinzipien. Wir sprechen über Tauhid, Fitra, Mizan und Khalifa. Und wir haben spezielle Ayatpl. Âyât; das Zeichen; der Beweis; das Wunder; die Bezeichnung für einen Vers des Korans; jeder Vers gilt als eine Âja, ein Wunderzeichen Allahs aus dem Koran gesucht und lassen die Teilnehmer mit diesen Ayat ganz praktisch arbeiten. Ich sage ihnen, dass wir sie auf Allahs Schöpfung beziehen sollten. Langsam verstehen sie, was Khalq bedeutet. Mit Khalq ist die Schöpfung gemeint. Wenn sie anfangen diese Verbindungen zu ziehen, haben sie auch das Gefühl ihre eigene Umgebung damit verknüpfen zu können – dass sie zum Beispiel nicht von Fisch und Meer getrennt gesehen werden können. Genau das ist die Rolle von Khalifa – Verantwortung für seine Mitwelt zu übernehmen.
Die andere Sache ist, dass wir vom Koran direkt zur Tat schreiten können. So hat sich auch die Scharia in ihrem ursprünglichen Sinne entwickelt. Ich nehmen sie mit auf diesen Weg innerhalb von vierzig Stunden. Wir reden darüber, wie die Scharia und ihre spezifischen Felder sich herausgebildet haben, zum Beispiel die Wissenschaft des islamischen Ressourcenmanagements. Darunter zählen das Hima-System (Naturschutz), das Harim-System (Schutz von Wasser), dann das System von Idschara und Ikna (Wiederaufforstung) – das kann durch die Gemeinde oder den Staat initiiert werden. Es gibt so viele Institutionen, die sich in 1500 Jahren entwickelt haben und inzwischen vergessen, abgelehnt oder ganz bewusst manipuliert wurden – zum Beispiel wegen des Immobilien-Marktes.
Was genau ist das Hima-System?
Fazlun: Hima ist das Naturschutzgebiet. Im Islam dient das System dazu die Natur zu schützen. In der islamischen Geschichten wurde dies dazu genutzt, um bestimmte Orte, bestimmte Flächen zum Beispiel während des Frühlings zu schützen – so kultiviert waren die Leute damals! Die Nichtmuslime waren davon fasziniert. Jetzt sagen sie zu den Muslimen: Ihr habt all das, und ihr verweigert den Umweltschutz! Dabei haben wir doch die Werkzeuge, um zu agieren!
Und wie reaktiviert man das heutzutage?
Fazlun: Die Prozesse, die wir im Workshop durchlaufen, bringen diese Lehren in den Mittelpunkt und machen es möglich, dass Menschen an der Basis Zugang zu ihnen erhalten. Wir versuchen die Anwohner, die lokalen Gelehrten, die Gemeindevorsteher, Beamten und so weiter durch einen sehr praktischen Ansatz zu empowern. Denn Islam ist ein allumfassendes System. Er ist nicht nur eine Glaubenslehre, es ist auch nicht nur die praktische Anwendung. Am Ende müssen immer folgende Fragen stehen: Wird es richtig gemacht? Werden die Regeln befolgt? Wenn die Regeln nicht befolgt werden, werden sie gebrochen? Also vermitteln wir auch, dass es nötig ist ein System zu errichten, indem über solche Fragen geurteilt wird und darüber befunden wird, ob die Regeln gebrochen werden. Wir empfehlen den Beteiligten eine sogenannte „Hizba“ einzurichten, ein Verwaltungsgericht. Es ist Teil der islamischen Geschichte. Es wurde zum Beispiel früher auf Märkten eingesetzt, um die Gewichte und Maße, die Sauberkeit des Marktes, die Echtheit des Geldes und so weiter zu überprüfen. Diese Prinzipien können auch auf die Umweltebene übertragen werden. In Sansibar etwa haben wir ein Meeresnaturschutzgebiet von 2000 km² errichtet, und durch das Hizba-System waren wir in der Lage die Größe der Fischernetze zu überprüfen. Denn bei großgewebten Netzen können die kleinen Fische entfliehen und nur die großen bleiben drin – so sollte es sein. Auch wird die Fischersaison, die Länge des Fischens und die Fischerei an sich überprüft.
Mit wem muss kooperiert werden, damit so ein Projekt erfolgreich ist?
Fazlun: Der Imamder Vorbeter; der Führer; der Leiter; das Vorbild verkörpert die theologische Seite. Aber man benötigt auch technisches Know-How. Deshalb arbeiten wir mit NGOs zusammen und ermutigen die Imame und Fischer mit den technisch versierten NGOs zusammenzuarbeiten.
Es besteht also eine Partnerschaft zum einen unter den Muslimen – dem lokalen Imam der Moschee, den Dorfvorstehern, den Vorstehern einer Fischerei und den Fischern selbst, die islamischen Prinzipien nachgehen. Zum anderen besteht eine Partnerschaft zwischen Muslimen und Menschen, die die technische Expertise einbringen können und auch den Wert unserer Workshops erkennen.
Was ist die Hauptursache unserer Umweltprobleme?
Sabah: Das Hauptproblem ist das Finanzsystem, das die Umwelt zerstört. Betrachtet man das Gesamtbild, sind wir alle daran beteilgt. Die Konsumethik insgesamt ist das Hauptproblem. Der Kapitalismus ist das Problem.
Fazlun: Die muslimischen Regierungen sind nicht darauf eingestellt. Sie sind so sehr im globalen Finanzsystem eingeschlossen. Wenn wir über muslimische Regierungen sprechen, sprechen wir vor allem über Ölstaaten. Wenn sie in den Nachrichten erwähnt werden, geht es immer nur darum, dass OPEC beschlossen hat den Ölpreis erhöhen oder zu senken. Es gibt aber keine weitere Analyse darüber, was überhaupt der unmittelbare Effekt von der Erhöhung oder Senkung des Ölpreises ist – nur, dass es zum Wachstum oder zur Krise der globalen Wirtschaft beiträgt. Das nützt gar nichts. Nicht ein einziger Ölstaat hat bisher gesagt: Öl ist eine Ressource, die wir würdigen und nähren. Wir wollen, dass sie so lange wie möglich erhalten bleibt – wir wollen mit ihr nachhaltig umgehen. Diese Sprache sprechen sie nicht. Wie also kann man zu diesen Menschen gehen und sagen: Wir haben ein Umweltproblem. Sie werden es als Lippenbekenntnis bestätigen.
Aber es gibt doch auch Umweltorganisationen in diesen Staaten!
Fazlun: Freilich gibt es Umweltorganisationen zum Beispiel im Nahen Osten, muslimische Umweltorganisationen. Sie reden über den Klimawandel, über Emissionen und so weiter, aber nicht im Sinne von: Wir bewahren die islamische Dimension von all dem bei, wir haben einen ganzheitlichen islamischen Ansatz. Wenn wir mit ihnen auf ganzheitliche Art und Weise sprechen würden, würden sie dies nicht verstehen – jedenfalls nicht die derzeitigen Herrscher. Vielleicht die nächsten, aber bis dahin muss ein weiter Weg zurückgelegt werden. Eigentlich müssen sie aber einen sehr weiten Weg in sehr kurzer Zeit zurücklegen, bevor das Öl zur Neige geht. Dann nämlich wird der Westen sagen: Danke und Tschüs! Vielen Dank für euer Öl! Tschüs, danke sehr!
Was genau ist denn nun der Unterschied zwischen einer muslimischen und einer islamischen Umweltorganisation?
Fazlun: Der entscheidende Unterschied ist, dass wir eine islamische Umweltorganisation sind – die einzige. In muslimischen Staaten gibt es auch Umweltorganisationen, und natürlich werden sie von Muslimen betrieben – aber mit einer säkularen Linie. Ich meine, etwas ist besser als nichts. Ich war in Ländern des Nahen Ostens und habe dort mit Umweltorganisationen gesprochen, aber sie agieren nicht aus dem Islam heraus. Sie agieren als normale NGOs, die sich mit Umwelt beschäftigen, von Muslimen betrieben.
Was ist der Leitwert eurer Organisation?
Fazlun: Es gibt ein Wort, das unsere Organisation beschreiben kann, von oben nach unten: Bildung! Das meine ich so, wie ich es bereits beschrieben habe: durch Trainings-Material, Anbieten von Trainings-Einheiten und Projekten. Das Projekt selbst ist bildungsorientiert. Wir können in der gegebenen Situation immer wieder den Wert der Anwendung islamischer Prinzipien aufzeigen. Wir können im positiven Sinne verändern! Das ist Bildung, und Menschen können davon lernen. Wenn wir richtig finanziert werden, werden wir zwar nicht das ganze Projekt ausführen können – das ist einfach nicht möglich – aber wir werden zeigen können, dass die Umsetzung unseres Ansatzes möglich ist. Aus einer islamischen Perspektive heraus arbeiten, verändern, Menschen ermutigen! Es ist kontraproduktiv und egoistisch zu behaupten, eine Organisation allein könnte die Situation in der kurzen Zeit, die wir haben, verändern. Es ist unmöglich. Aber wir können andere Menschen dazu ermutigen unsere Idee fortzusetzen. Wenn wir etwa mit Ulama sprechen, wirkt das Schneeballsystem. Wir haben Ulama trainiert, und hoffentlich setzen diese dies fort, verbreiten das Wissen in den Medressen, sprechen darüber in ihren Reden und Unterrichtsrunden.
Warum sind denn Ulama so wichtig in dem ganzen Prozess?
Sabah: Wenn Nichtmuslime hören, wie schnell sich auf diese Weise Wissen verbreiten kann, sind sie meist sehr fasziniert davon. So etwas haben sie nicht. Aber es ist unheimlich wichtig, dass die Ulama „erwachsen“ werden und sich in der Gegenwart bewegen; dass sie aufhören, sich geistig rückwärts zu bewegen. Sie befinden sich nicht an der vordersten Front, intellektuell und akademisch. Wir müssen fordern, wir müssen unsere Stimme erheben und sagen: Bitte, geht vorwärts, ihr behauptet Imame zu sein, das bedeutet übersetzt „vor“, aber ihr seid hinter uns! Sie müssen sich ändern, sie müssen verstehen. Wir brauchen Ulama, die verstehen, was vor sich geht.
Gab es ein Schlüsselerlebnis, eine Glühbirne, die pltötzlich „bing“ machte und dich dazu brachte im Umweltschutz aktiv zu werden?
Fazlun: Es war mehr wie ein Dimmer und weniger wie eine Glühlampe, die plötzlich anging – schrittweise.
Sabah: Bei mir war es so: Ich wurde – nicht nur in umwelttechnischer Hinsicht – mehr und mehr wütend. Weil ich jung war, ging ich einfach hinaus und fragte: Warum, warum warum?
Fazlun: Nein, es gab keinen Schlüsselmoment – es war eher etwas, was mir langsam dämmerte. Aber ein wichtiger Eindruck war das: Ich komme ursprünglich aus Sri Lanka und lebe nun seit 60 Jahren in England, aber ich bin seitdem oft nach Sri Lanka gereist. In einem meiner Besuche in den 1960er Jahren ging ich zu den Bergen, worauf Teeplanten wachsen – Tee aus Sri Lanka ist sehr bekannt und begehrt. Plötzlich verstand ich, dass der Wald gerodet werden musste, um überhaupt diese Teeplanatagen zu pflanzen – Berge um Berge um Berge von Wald.
Das Gleiche gilt für die Gummiproduktion – der Gummibaumanbau zerstörte massenhaft Wälder. Genau das passiert bis heute in den sich entwickelnden Ländern wie China und Indien, und auch in Indonesien und Südafrika – dort, damit Europa und Amerika sich weiterentwickeln können. Die Phillipinen sind inzwischen völlig leer, dort ist nichts mehr übrig. Und da sind wir wieder beim Kapitalismus. Wenn wir so etwas wie Entwicklung und Fortschritt haben wollen, geht dies immer auf Kosten der irdischen Ressourcen – Wälder, Wasser, Fisch, Mineralien, Öl. Alles wird aufgesogen.
Was sind die Herausforderungen eurer Arbeit?
Fazlun (lacht): Herausforderungen? Zu viele E-Mails. Scherz beiseite. Wir haben nicht genug finanzielle Ressourcen. Wenn wir sie hätten, könnten wir mehr Leute anstellen und dadurch auch mehr verändern. Denn an sich ist unser System sehr effektiv.
Was fehlt den jungen Muslimen von heute?
Sabah: Die muslimischen Jugendlichen von heute, vor allem die jungen Männer – müssen raus in die Natur. Die meisten leben in städtischen Gebieten und sind in einer ungesunden Stadtmentalität gefangen. Sie müssen in die Natur, um ausgewogene Menschen sein zu können. Dann werden sie verstehen, worüber wir sprechen; dann werden sie die Natur respektieren und sehen und fühlen und sie werden den Willen verspüren, sie zu retten. Wenn man aber niemals dort war und Fernsehen schaut und Computer spielt, dann weiß man nicht, wie es ist. So aber haben beide - Frauen und Männer - die Verbindung verloren. Die Verbindung zu verlieren heißt auch, Wissen und sich selbst zu verlieren.
Welche persönliche Motivation steckt hinter eurer Arbeit, und welche Erfahrungen?
Fazlun: Erst einmal: Ich tue es für meine Enkel, ich tue, was immer ich kan. Wir müssen dies tun, ich denke immer: In was für einer Welt leben wir? Das ist meine persönliche Motivation.
Und dann: müssen tun, was wir tun müssen. Wir können das nicht ignorieren. Wir tun, was wir können. Ich beschreibe das manchmal als Menschen mit kleinen Eimern, die versuchen ein sehr großes Loch, das zeitgleich von einem Bulldozer gegraben wird, wieder zu schließen. Sie werden es niemals schaffen. Das Loch wird immer und immer größer werden. Menschen wie ich versuchen also mit einem Eimer das Loch zu füllen, aber der Bulldozer gewinnt. Irgendwann wird das Loch vielleicht so groß sein, dass der Bulldozer selbst hineinfallen wird.
InschaAllahwörtlich: wenn Allah will; solange Allah zulässt; wenn man etwas zu tun beabsichtigt oder jemandem etwas verspricht, soll noch „inschâallâh“ hinzugefügt werden!
Fazlun: Im metaphorischen Sinne wird genau das passieren. Die Menschen werden langfristig nicht so weitermachen können, mit dem Expandieren. Es ist nicht nur verrückt, sondern auch blutig.
Sabah: Hoffentlich werden sie eines Tages Respekt vor sich selbst haben und merken, dass die Welt sie hasst. Hoffentlich wird dies eines Tages wichtig für sie sein, denn im Moment ist es ihnen egal. Im Moment ist es wie eine Droge – es schluckt die Gefühle und Empfindungen.
Was würdet ihr den muslimischen Jugendlichen empfehlen?
Fazlun: Es gibt einen starken Hadithder Bericht; die Überlieferung; Aussprüche und Taten des Gesandten Gottes Muhammad (saw); Bezeichnung für die Berichte, in denen die Sunna Muhammads (saw) überliefert wurde, der besagt: „Wenn der jüngste Tag herannaht und du einen Dattelkern in der Hand hältst, pflanze ihn.“ Das ist ein optimistisches Statement, was besagt: Nur Allah weiß, ob es der letzte Tag ist oder nicht – also pflanze den Samen! Wenn du jetzt eine Pflanze säst, wird du noch 30 oder 40 Jahre später Nahrung dadurch erhalten. Das ist also die Antwort: du MUSST es tun! Es kommt nicht auf die Konsequenzen an, du tust es, weil es richtig ist.
Das ist vor allem für die jungen Muslime wichtig. Wenn sie nicht eine Organisation gründen und sich durch unsere zur Verfügung gestellten Informationen weiterbilden, können sie auch in anderen Mainstream-Organisationen aktiv werden, wie Greenpeace oder WWF oder lokale Umweltorganisationen. Schließt euch ihnen an! Das ist nicht nur gut für die Umwelt, sondern auch gut für den Glauben und die Muslime.
Sabah: Sie müssen raus aufs Land – vor allem die jungen Männer hier in Europa. Viele wissen nicht wie es ist in der Natur zu sein. Außerdem sollten sie eine gemeinsame Stimme gegenüber den Älteren bilden – den Vätern und Imamen. Sie müssen ihnen sagen: Wir, die Jugend, haben ein Anliegen. Wir sind nicht zufrieden mit dem, was ihr tut. Ihr müsst etwas tun! Die Denkweise vor allem der Älteren muss verändert werden! Stärke und Kraft den Jüngeren! Es ist ihre Zukunft. Sie liegt in euren Händen!
Vielen Dank und Jazakum Allahu khairan für das Interview!





