Es war eine lange Fahrt durch Wälder, Felder, Berge und Täler, über Autobahnen und Landstraßen, vorbei an Kühen und Pferden, Düngergeruch und Vogelgezwitscher, ehe wir auf dem Petershof gegen acht Uhr abends ankamen. Das alte Bauernhaus liegt mitten in einem Kuhkaff, in unmittelbarer Nähe befindet sich nur ein weiteres Haus mit Garten, und in dem grasen – ja – Kühe! Und so wurden die vielen intensiven Vorträge, denen wir in den nächsten Tagen lauschen durften, eigentlich nur durch kleinere Pausen, die Glocke im Hof, die gelegentlich vor dem Essen, dem Gebet oder auch von den aufmerksamkeitsheischenden Kleinkindern betätigt wird, und – wenn man genau hinhört – dem Blöken der Nachbarkühe unterbrochen. Doch letztere sollten uns nicht weiter aufhalten – schnell gewöhnten wir uns ans weit entfernte Geblöke, weniger jedoch an die damit einhergehende Fliegenplage, die uns bei jeder Mahlzeit beehrte und uns zum Wahnsinn trieb. „Wo ist die Fliegenklatsche?“ – „Nein, lass sie am Leben!“, tönte es manches Mal durch den Essensraum. Schließlich hingen ein paar goldgelbe, klebrige Fliegenfänger von den Wänden, die immer schwärzer wurden. Kurzzeitig waren wir von der „Plage“ befreit.
Nun aber zum Thema. Die Rede ist hier von der MJD-Summerschool, die vom 20. Bis 27. Juli mit etwa 40 Leuten auf dem Petershof unter dem Motto – wer’s glaubt – Flug (Führen, leiten, Gemeinschaft) stattgefunden hat. Und so waren die Fliegen doch eigentlich Programm, wie uns schließlich bewusst wurde! Wir summten und flogen in den sieben Tagen eigentlich unaufhörlich, nicht so sehr, um zum nächsten Marmeladenbrot zu gelangen und es genüsslich zu vernaschen, sondern vielmehr, um zu mehr Wissen zu gelangen und es zu verarbeiten. Dazu gab es fast unufhörlich Gelegenheit. Während Bruder Kerim Edipoglu aus Österreich mit uns sehr intensiv die Sira, also das Leben des Propheten Mohammed1) der Gepriesene; der Verherrlichte; der Prophet des Islams; der Gesandte Gottes und letzter aller vom Schöpfer entsandten Propheten an alle Menschen 2) 47. Sure des Korans; 38 Verse; offenbart in Medina (sasAbkürzung für „sallallâhu alajhi wa sallam“ („Der Friede Allahs sei auf ihm“); Bei der Nennung des Namens des Gesandten Gottes Muhammad (sas) sprechen die Muslime diesen oder einen ähnlichen Segenswunsch aus.) innerhalb von vier Tagen durchging, setzte sich Bruder Rafik Beekun aus den USA mit uns auf theoretische und praktische Weise mit „leadership“ im Islamwörtlich: „heil sein“, „unversehrt sein“, „Unterwerfung“, „Gottergebenheit“; die Ergebung in Gottes Willen; die Bezeichnung der von Gott für den Menschen vorgesehenen Lebensweise der friedvollen Hingabe (etwa: „Führungsstile“) auseinander. Wir lauschten und schrieben, staunten und diskutierten. Erstaunlich war zum Beispiel das unglaublich umfangreiche Wissen Bruder Kerims. Auch wer bereits etliche Sira-Bücher gelesen hat, konnte hier noch etwas Neues lernen, da es dem Referenten gelungen ist, neue Zusammenhänge herzustellen und Dinge aus dem Leben des Propheten so zu erklären, dass eine völlig neue Sichtweise auf das Geschehen möglich war. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass damals die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können, gar so niedrig angesehen war, dass sie mancher Dichter und Denker verheimlichte? Viel wertvoller war es nämlich, sich alles merken und wiedergeben zu können, und das war auch der Wert des Korans, der bei seiner Offenbarung von vielen auswendig gelernt wurde und so in seinem Original zweifelsohne bewahrt werden konnte. Es waren also etliche Aha-Effekte, die Fragezeichen durch Ausrufezeichen ersetzten und uns zu einer ganzheitlicheren Sichtweise auf die Sira und einer umfassenderen Liebe zum Propheten führten. Obgleich das Thema nicht unmittelbar mit „leadership“ zu tun hatte, so konnte es doch zeigen, wie der Prophet als Leiter seiner Gemeinde in verschiedenen Situationen agierte. Die Auseinandersetzung mit der Sure „Asch-Schura“ (die Beratung) sensibilierte uns weiter für das Thema und bereitete uns auf die nächsten Tage vor.
Die Loopings, die wir durch Bruder Kerim geflogen waren, wurden nämlich durch die Einheiten von Bruder Rafik quasi vervollkommnet. Der ältere, warmherzige Amerikaner mit Ursprüngen in Mauritius machte uns intensiv mit der praktischen Seite von „leadership“ bekannt. Ein dickes Handout mit Zetteln, bei denen wir unter anderem unsere eigenen Vorstellungen von Leiten und Folgen oder unsere Fähigkeit zu delegieren herausstellen konnten, vielmehr aber noch die lebendige und anschauliche Art des Referenten vorzutragen, halfen uns durch den „leadership“-Dschungel.
Nun begannen wir sogar – in den wenigen Pausen, die wir hatten – uns gegenseitig zu analysieren. Wir entscheiden gemeinsam, dass wir jetzt Ligretto spielen: partizipativer Führungsstil. Sausan bestimmt, dass nun die Brüder Küchendienst haben: direktiver Führungsstil! Ein besonderes Highlight aber war der Bau einer Moscheeabgeleitet vom arabischen "masdschid" (wörtlich: Ort der Niederwerfung); in erster Linie Ort des gemeinschaftlichen Gebets; darüber hinaus Nutzungsmöglichkeiten für soziale, kulturelle und erzieherische Funktionen. Nein, keine echte, sondern eine Pappe-/ Papiermoschee. Und die Moschee, die den Kriterien Stabilität, Schönheit und Höhe am besten gerecht wurde, sollte gewinnen. Also strengten wir unsere Hirne an, tüftelten die verschiedensten Strategien aus, bastelten, falteten, rollten und klebten, diskutierten, führten aus, schwiegen konzentriert. Schließlich fanden die verschiedenen Kunstwerke ihren Platz auf der Bühne. Wegen der Qual der Wahl fiel die Entscheidung schließlich auf zwei Moscheen. Was für ein Jubel! Was vor allem aber dahinter steckte, so erläuterte Bruder Rafik, war die Gruppendynamik, die sich beim Bau der Moschee entwickelte und die wir hinterher zusammen ausführlich analysierten.
Apropos Gruppendynamik: die gab es freilich auch im wirklichen Leben, jenseits von Unterricht und Moscheebau. Wann befinden sich schonmal 40 MJDler eine Woche lang an einer Stelle? Trotz der wirklich intensiven Unterrichtsphasen gab es immerhin noch genug gemeinsame Zeit. Auf der Kirmes beim Gerätetesten, auf den Fluren beim Reden, in der Küche beim Abspülen, im Café beim Ausspannen, im Orgaraum beim Organisieren, im Vortragsraum beim Bunten Abend oder beim „Mafia“-Spielen, auf der Wiese am Lagerfeuer oder beim Warten auf das Gebet lernten sich die Geschwister mehr und mehr kennen und genossen die Zeit miteinander zusehends.
So war die Summerschool im Grunde ein Flug vom Marmeladenbrot zum Nutellaglas bis hin zum Orangensaft – sie schmeckte köstlich (wobei man erwähnen muss, dass das Essen tatsächlich vorzüglich war!), man konnte tief eintauchen, aber auch vom einen oder anderen nippen, und man zog viel Nutzen daraus. Am Fliegenfänger sind wir dagegen ganz und gar nicht hängen geblieben. Im Gegenteil – unser Flug geht weiter!





